Der Spagat im Pflegeheim Corona Die Beschränkungen in den Heimen wurden behutsam gelockert, Besuche sind wieder erlaubt. Bei aller Freude schwingt auch Sorge mit. Von Susann Schönfelder

Blumen, Uhr, Abstand und Mundschutz: Besuche laufen in Corona-Zeiten anders ab als früher – aber sie sind wieder erlaubt. Das Pflegeheim der Wilhelmshilfe in Ursenwang hat extra ein kleines Zelt aufgestellt. 

Geburtstagsfeiern ohne Angehörige, vielleicht ein kurzes Winken aus dem Fenster, viele Wochen der Einsamkeit und der Angst: Die Bewohner von Pflegeheimen haben harte Zeiten hinter sich. Aber auch deren Angehörige und die Pflegekräfte. Um die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus’ einzudämmen und in erster Linie Hochrisikopatienten zu schützen, waren seit Mitte März Besuche in Heimen untersagt. Seit Montag sind sie unter strengen Auflagen wieder erlaubt – auch in Krankenhäusern.

„Die Öffnung der Einrichtungen begrüßen wir“, sagt Matthias Bär, Vorsitzender des Vorstands der Wilhelmshilfe. In den vergangenen Wochen sei bei Bewohnern und Angehörigen viel an Kommunikation und Vertrauen verloren gegangen. Daher sei es wichtig, dass nun wieder behutsam Kontakte möglich seien. „Die Sorge schwingt aber mit, dass es eine zweite Ansteckungswelle geben könnte und das System zurückgeworfen wird“, räumt Bär ein. Für die Einrichtungen sei es ein Spagat, Freiheitsrechte und Lebensqualität mit der Vermeidung von Infektionen in Einklang zu bringen, ergänzt Vorständin Dagmar Hennings. „Zudem ist es für uns alle eine erstmalige Situation, wir haben keinerlei Erfahrungen mit Pandemien“, sagt sie. „Wir lernen tagtäglich. Und es passieren Fehler und es werden auch weiterhin Fehler passieren.“

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Die beiden Vorstandsmitglieder der Wilhelmshilfe, die insgesamt sieben Einrichtungen betreibt, machen deutlich, dass der politische Wille das eine ist, die Umsetzung in den Pflegeheimen aber das andere – und das in Zeiten, in denen Pflegefachkräfte ohnehin Mangelware sind. Mit großem Aufwand werde versucht, alle Interessen und alle Auflagen unter einen Hut zu bekommen. „Das geht aber nicht zu jeder Zeit. Und es können nicht alle Wünsche erfüllt werden“, wirbt Bär bei den Angehörigen um Geduld und Verständnis. „Wir werden nicht von heute auf morgen zur Normalität zurückkehren. Und es wird auch nicht die alte Normalität, sondern eine neue Normalität sein“, schwört er alle Beteiligten auf eine neue Zeitrechnung ein.

Konkret bedeutet das, dass Besuche künftig nicht so ohne weiteres möglich sind. Pro Bewohner ist pro Tag grundsätzlich ein Besuch erlaubt mit maximal zwei Personen. Die Besucher müssen sich 24 Stunden vorher anmelden, werden am Eingang abgeholt und in die Hygienerichtlinien eingewiesen. Alles mit dem vorhandenen Personal, unterstreicht Hennings. Höchstens eine Stunde darf der Besuch dauern, damit auch andere Angehörige zum Zug kommen. Wenn möglich, sollen sich Bewohner und Angehörige im Freien treffen, „wir haben aber auch in jeder Einrichtung einen Besucherraum eingerichtet“, sagt Hennings. Überall stehe Desinfektionsmittel bereit, Markierungen auf dem Boden, die die Abstände anzeigen, werden derzeit noch angebracht. In Ausnahmefällen können die älteren Menschen auch in ihrem Zimmer besucht werden. Mund-Nasen-Schutz versteht sich von selbst.

Ab sofort dürfen auch wieder Therapeuten, Friseure und Fußpfleger ins Haus kommen. Um hier unnötige Kontakte zu vermeiden, kommen diese in der Wilhelmshilfe vormittags, der private Besuch nachmittags zwischen 14 und 17 Uhr – allerdings nur von Montag bis Freitag, weil am Wochenende schlichtweg weniger Personal da ist, erläutert Dagmar Hennings. Die Besucher werden zudem registriert, damit das Gesundheitsamt im Falle einer Ansteckung die Infektionskette nachverfolgen kann.

Viel Zuspruch von außen

Matthias Bär und Dagmar Hennings freuen sich trotz aller Widrigkeiten über viel Verständnis, Unterstützung und Zuspruch von außen. „Das ist das Positive an der Krise“, stellen sie unisono fest. Unterstützung bekommen sie vom Landtagsabgeordneten Alex Maier (Grüne). Er schreibt in einer Pressemitteilung: „Ich appelliere an die Einrichtungen, so viel Besuch wie möglich und vertretbar zu ermöglichen. Ich appelliere aber auch an alle Angehörigen und Freunde, Verständnis für die Situation der Einrichtungen aufzubringen, den Dialog mit den Verantwortlichen in den Einrichtungen zu suchen und verantwortungsvoll mit den neuen Möglichkeiten umzugehen.“

Derzeit gibt es keinen erkrankten Bewohner

Nachverfolgung „Die penibel durchgeführte Kontaktpersonennachverfolgung durch das Gesundheitsamt zeigt eine gute Wirkung und die Situation in den Pflegeheimen im Landkreis Göppingen ist sehr erfreulich“, teilt Clarissa Truhart, Pressesprecherin im Landratsamt, mit. In den Pflegeheimen gebe es derzeit keinen an Covid-19 erkrankten Bewohner. Den letzten positiven Befund einer Mitarbeiterin in einem Pflegeheim habe das Göppinger Gesundheitsamt am 8. Mai erhalten. Die Mitarbeiterin befinde sich aktuell noch in Quarantäne, um die Bewohner und das Personal vor einer möglichen Ansteckung zu schützen.

Tests Derzeit laufe die flächendeckende Testung in allen Pflegeheimen, sagt die Pressesprecherin – mit einem positiven Trend: „In einer ersten Zwischenbilanz kann festgestellt werden, dass von rund 1000 Abstrich Untersuchungen bei Pflegeheimbewohnern und Personal kein einziger Befund positiv war.“

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