NWZ / Zukünftige Meister in Göppingen - Konzert Leidenschaftlich, konzentriert, kunstvoll: Das Landesjugendorchester Baden-Württemberg überzeugt mit anspruchsvollen Werken in der gut besuchten Göppinger Stadthalle. Von Ulrich Kernen

Unter der Leitung von Nabil Shehata musizierte das Landesjugendorchester in großer Streicherbesetzung in der Stadthalle Göppingen: Unter anderem füllten 16 erste Geigen und ein „Wald“ von 8 Kontrabässen den riesigen Bühnenvorbau. Da konnte man aus dem Vollen schöpfen.


Dahinter, weit weg von Bühnenrand und Publikum, wurden die Bläser und das Schlagwerk platziert. Da hatten es die vorzüglichen Bläsersolisten mitunter nicht leicht, klanglich durchzudringen. Gelassen musizierend brachte das Orchester mit dem Choral zu Beginn der Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Peter Tschaikowsky das Publikum zur Ruhe. Dann brach Kampf und Schmerz der verfeindeten Familien los. Mit rückhaltloser, jugendlicher Leidenschaft, gleichzeitig jedoch hochkonzentriert, warfen sich alle „ins Gefecht“. Das ging unter die Haut! Zart abgesetzt davon war das sehnsuchtsvolle Liebesthema von Romeo und Julia, in dem die klangliche Balance der Mitwirkenden immer besser wurde; auch die couragiert spielende Harfenistin fand darin ihren Platz.


Mit diesem Auftakt hatte das Landesjugendorchester schon eine beeindruckende Marke gesetzt. Auf demselben hohen Niveau ging es danach mit Sergei Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ weiter (Solist: Frank Dupree, Klavier). In 24 Variationen reiht der Komponist eine Episode nach der anderen aneinander, manchmal Gruppen bildend. An einigen Stellen ist die Sequenz des „Dies irae“ aus dem Requiem eingeflochten. Daran knüpfte man die Legende, dass der Wundergeiger Paganini seine Seele dem Teufel verkauft habe, um als Geiger und Liebhaber Erfolg zu haben. Frank Dupree war in Göppingen der Paganini des Klaviers, in der Nachfolge des Komponisten. Er wurde der hochromantischen 18. Variation ebenso souverän gerecht wie dem fulminanten Schlussfeuerwerk. Das Orchester wurde in diesem detailreichen Werk stark gefordert, war aber stets präsent. Zur Zugabe, Jazz von Duke Ellington, kam eine Mini-Band zum Pianisten an die Rampe. Das war zwar sehr weit entfernt von russischer Romantik, löste aber bei den zahlreichen jungen Zuhörern noch stärkeren Jubel aus.


Es lässt sich darüber streiten, ob es eine glückliche Idee war, hinter die 24 Variationen Rachmaninows noch die 14 „Enigma-Variationen“ von Edward Elgar zu setzen. Sie beschreiben Menschen aus dem Umfeld des Komponisten, zum Teil recht wunderliche Typen: einen Organisten und seine Bulldogge, das schwerfällige Bratschenspiel einer Freundin bis hin zum ergreifenden Solo seines Cello spielenden Freundes. Nabil Shehata vermied jegliche in den Partien angelegte Karikatur und alle Instrumentalisten widmeten sich mit Ernst und Hingabe der klaren, kunstvollen Instrumentation und den vielen Stimmungswechseln. So gelang eine stimmige Interpretation, auch wenn man die Details nicht kannte.


Mit der Zugabe, „Pomp and Circumstance“, brachte das Landesjugendorchester den Saal zum Beben und auch in diesem Jahr wurde wieder offenbar: Hier spielten zukünftige Meister!

 

Konzerttournee mit sieben Konzerten in acht Tagen


Auswahlensemble Das Landesjugendorchester (LJO) ist die bedeutendste Fördermaßnahme des Landes für die junge Generation. Aus ganz Baden-Württemberg kommen die 13- bis 17-jährigen Musikerinnen und Musiker. Wenn sie beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ erfolgreich waren oder ein Probespiel bestanden haben, dürfen sie mitspielen. Die Arbeit des Orchesters ruht auf drei Säulen: gründliche Vorbereitung zu Hause, Teilnahme an den Orchester-Arbeitsphasen und Mitwirkung bei Konzerten in verschiedenen Bundesländern, im Hörfunk und im Fernsehen. Die Mitglieder haben so die Chance, mit namhaften Dirigenten und Solisten zusammenzuarbeiten. Zurzeit absolviert das Orchester eine Tournee mit sieben Konzerten in acht Tagen.

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