Ein Moderator mit Profil - Porträt Der evangelische Dekan Rolf Ulmer geht nach elf Jahren in Göppingen in den Ruhestand. Im Gespräch lässt er wichtige Stationen Revue passieren und blickt auch in die Zukunft. Von Annerose Fischer-Bucher

Er wollte sich nach acht Jahren Landesjugendpfarrer in Stuttgart nochmals verändern und wurde dann 2008 zum Dekan des Kirchenbezirks Göppingen, der mit 33 Gemeinden und 57 000 evangelischen Kirchenmitgliedern zur Prälatur Ulm gehört, gewählt. Und nun geht Rolf Ulmer zum 1. Dezember in den Ruhestand. Beim Gespräch in seinem Büro erzählt der Brückenbauer, dem „ein gutes Miteinander wichtig“ ist, zunächst aus seiner Biografie, lässt dann wichtige Stationen in Göppingen Revue passieren und gibt den Blick frei auf Persönlichkeit und Haltung.


Als ältestes von drei Kindern eines Handwerkers in Plüderhausen hat Rolf Ulmer zunächst eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker absolviert, bevor er in einem altsprachlichen Kolleg in Hessen-Nassau das Abitur mit Abschluss der drei Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch gemacht hat, um dann das Studium in Tübingen und München von Theologie und Klassischer Philologie 1986 mit dem Examen abzuschließen.


An seiner ersten Stelle in Schnait als seiner Lehrzeit habe er gelernt, dass man auch schon am Vormittag Wein trinken könne, so Ulmer. Nach Stellen in Hochwang auf der Schwäbischen Alb und in Schorndorf an der Stadtkirche kam die Wahl zum Landesjugendpfarrer und danach die Wahl zum Dekan. Göppingen sei durch seine eher liberale und diakonische Prägung für ihn interessant gewesen, was ihm am Ehesten entspreche.


Geheiratet hat Ulmer 1981. Die Familie wohnte in Schorndorf, wohin sie jetzt wieder in das renovierte Haus zurück geht. Als Ulmer erzählt, dass eines seiner vier Kinder, der damals 17-jährige Sohn, bei einem Verkehrsunfall durch einen betrunkenen Autofahrer ums Leben kam, hält das Gespräch zunächst inne. Dann sagt Ulmer, dass dieses Ereignis das Leben durcheinandergebracht habe. Das Gefühl, behütet und bewahrt zu sein, sei erschüttert worden, in dessen Folge viele Fragen und Zweifel aufgetaucht seien.


Für die Göppinger Zeit nennt der scheidende Dekan dann drei für ihn wichtige Punkte: die Montagsgebete, den Erhalt der Stadtkirche und strukturelle Veränderungen in einem offenen Prozess. Es hätten zu Beginn der Finanzkrise ökumenische Montagsgebete abwechselnd in der Marienkirche und in der Stadtkirche stattgefunden, bei denen von Kurzarbeit und Entlassungen Betroffene zu Wort gekommen seien. Der gelungene Erhalt der Stadtkirche freut Ulmer besonders. Gegen die Idee, die Stadtkirche zu einem Museum zu machen, hat der Theologe mit Erfolg Unterstützung gesucht und gefunden. Die Stadtkirchenstiftung sei ein Ergebnis dieser Bemühungen, die zum Erhalt der Kirche als offene Kirche, als diakonische Kirche wie der Vesperkirche und als Veranstaltungskirche mit Jugendgottesdiensten, Konzerten, Ausstellungen oder Kabarett beigetragen hätten.


Die strukturellen Veränderungen der vergangenen Jahre seien nicht einfach gewesen, sagt Ulmer. Er spricht von der Einsparung der Pfarrstellen, von denen auch der Bezirk betroffen sei, weil es zu wenig Pfarrer gebe. Als Moderator setzte er sich für einen „offenen Prozess“ ein, der immer wieder den Konsens suchte. „Nicht etwas von oben herunter verordnen, sondern in einem offenen Dialog Lösungen suchen“, ist sein Credo, das trotz schmerzlicher Einschnitte große Zustimmung ohne riesige Konflikte ermöglicht habe.


Andererseits ist Rolf Ulmer auch ein Mann mit klaren Positionen. Er bezieht mit der Kirche durch die diakonische Flüchtlingsarbeit klar Stellung gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, bei der die große Mehrheit der Bezirkssynode hinter ihm stehe. „Wir lassen uns in solchen Fragen nicht auseinanderdividieren“, sagt der scheidende Dekan. Auch in der Frage der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren zeigt Ulmer Profil. Er sei für die Segnung dieser Paare. Man müsse aber auch den Konservativen Raum für ihre Position lassen und dürfe niemanden zu etwas zwingen.


Unter seinen vielen Aufgaben nahm Rolf Ulmer auch den Vorsitz des Vereins Haus Linde wahr, der in der Wohnungslosenhilfe tätig ist, und als etwas besonders Schönes sieht er die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum 2017 „mit inhaltlich bedeutenden Impulsen“ an.


Auf die Frage, was er im Ruhestand vorhabe, antwortet Ulmer, dass er sich auf die Muße freue. Zeit zu haben für die Kinder und die beiden Enkelkinder im Alter von drei Jahren und fünfzehn Monaten, Zeit zu haben für Wanderungen, fürs Lesen oder fürs Segeln. Und Zeit zu haben, gemeinsam mit seiner Frau den großen Freundeskreis zu pflegen.

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