Sofort wissen, was zu tun ist – Medizin - Im Göppinger Christophsbad trafen sich namhafte Spezialisten zu einem Symposium zum Gehirn – neueste Entwicklungen wurden diskutiert. Von Annerose Fischer-Bucher

Heute geht es ums Gehirn“, sagte der Leiter des Göppinger Neurologischen Symposiums. Ausgewiesene Experten aus Kiel, Marburg, Essen, Zürich und Erfurt, die entweder Chefs der dortigen Neurologischen Kliniken oder Lehrstuhlinhaber sind, hatte der Leiter der Neurologischen Klinik des Christophsbads (CB), Professor Norbert Sommer, zu einer viel beachteten Fachtagung nach Göppingen eingeladen.


Es ging um eine Vielfalt an Themen: um die mechanische Thrombektomie beim Schlaganfall, um Kopfschmerz und die neuen Migränemedikamente, um Polyneuropathien, um Demenz, Parkinson und Multiple Sklerose. Bemerkenswert auch, dass auf dem Programmflyer der Hinweis zu finden war: „Ohne Unterstützung durch die Pharmaindustrie“.


Professor Bernd Tomandl, Chefradiologe im CB, ging der Frage nach, ob die mechanische Thrombektomie (Entfernung eines Blutgerinnsels, des Thrombus, mittels eines Katheters) eine Revolution sei. In der Zusammenfassung der Studien zur Thrombolyse (hier wird mittels eines intravenös gespritzten Medikaments der Thrombus aufgelöst) war das Ergebnis, dass bei schweren Gefäßverschlüssen für den Patienten keine große Chance mehr bestehe. Ab 2014 hatte dann die mechanische Thrombektomie mit Erfolg Einzug in die Stroke Units gehalten. Tomandl bezeichnete sie als Revolution, weil man damit eine Quote um die 90 Prozent erreiche. Ansonsten sterbe der Patient.


Ungeklärt sei allerdings noch die Frage, ob es beide Methoden – die Lyse und die Thrombektomie – brauche, wie es in den Leitlinien empfohlen werde. Außerdem gebe es noch keine Kriterien für eine Kontraindikation bei der Thrombektomie. Das Zeitfenster sei heute weniger das Problem, sondern die Frage, ob noch gute Umgehungskreisläufe existierten. Tomandl ging auf technische Neuerungen des sogenannten Stent-Retrievers ein und wies auch darauf hin, dass 70 Prozent der Schlaganfallpatienten Schluckstörungen haben, die mit spezieller Logopädie gelindert werden können. Der wichtigste Aspekt für den Neuroradiologen war: „Wir brauchen sofort die komplexe Bildgebung des Gehirns des Patienten, damit wir sofort wissen, was zu tun ist.“


Keine überhöhten Erwartungen


Beim Kopfschmerz gab Professor Karsten Schepelmann einen Überblick über die Entwicklung in der Behandlung seit den 90er Jahren. Er ging auf die beiden Strategien der akuten Attacken-Behandlung und der Prophylaxe mit Medikamenten ein. Bei der Prophylaxe warnte er vor überhöhten Erwartungen der Migränepatienten zu den neuen, sehr teuren Medikamente mit Antikörpern. Der Erfahrungszeitraum betrage erst ein Jahr.


Dr. Christoph Rau besprach Polyneuropathien und zeigte verschiedene Krankheitsbilder und Spielarten. Interessant war die Aussage, dass Cholesterin-Senker die Krankheit auslösen können ebenso wie Alkohol und Diabetes. Ein weiteres Referat von Professor Andreas Steinbrecher beschäftigte sich mit Multipler Sklerose und ob man hier mit Medikamenten überhäuft werde. Der Frage, was ursächlich und was symptomatisch bei Parkinson hilft, ging Professor Carsten Möller nach.


Der führende Experte für Demenz in Deutschland, Professor Richard Dodel, ging auf die unerfüllte Hoffnung von 2012 ein, die Krankheit heilen zu können. Bislang gebe es nur Tiermodelle und noch viele offene Fragen. Er besprach die Störungen und die sechs verschiedenen Stadien der Krankheit sowie die heutige Diagnostik. Er ging auf vier momentan laufende Studien mit verschiedenen Patientengruppen, Medikamenten und Antikörpern ein, die bis 2021 laufen. Dodel sagte, dass man heute bei etwa 35 Prozent der Patienten bereits etwas verbessern könne, wenn man auf das Hören, auf Übergewicht, auf Rauchen, Depression, Bildung, physische Inaktivität und soziale Isolation vonälteren Menschen besser achte.

Hochkarätig besetzte Tagung


Im Göppinger Christophsbad (CB) arbeiten 250 Beschäftigte in der Neurologie und acht in der Radiologie. Drei davon können bei einem Schlaganfall eine Thrombektomie durchführen.


Referenten: Prof. Dr. Bernd Tomandl, CB Göppingen (Thrombektomie bei Schlaganfall); Prof. Dr. Karsten Schepelmann, Kiel (Kopfschmerz); für den erkrankten Prof. Dr. Björn Tackenberg, Marburg (Polyneuropathien) sprang Dr. Christoph Rau vom CB ein; Prof. Dr. Richard Dodel, Essen (Demenz); Prof. Dr. Carsten Möller, Zürich (Parkinson); Prof. Dr. Andreas Steinbrecher, Erfurt (Multiple Sklerose); Prof. Dr. Norbert Sommer, CB Göppingen.

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