Gewalt in der Psychiatrie - Veranstaltung - Namhafte Fachleute diskutierten bei einer Tagung des Ethikkomitees im Göppinger Christophsbad über das Thema „Gewalt und Psychiatrie“. Von Annerose Fischer-Bucher

Gewalt ist ein heikles Thema. Sie kommt in vielen Facetten vor, auch im medizinischen Bereich. Und Menschen im psychiatrischen Bereich sind besonders verletzlich, aber auch verletzend. Manchmal müssen Ärzte einen Patienten gegen seinen Willen behandeln, weil er sonst andere oder sich selbst verletzen würde. In einem Spannungsverhältnis zwischen berechtigten Wünschen nach Selbstbestimmung des Patienten, zwischen der Fürsorge für den Erkrankten und zwischen der Notwendigkeit, Dritte zu schützen, bewegte sich eine Expertentagung zum Thema „Gewalt und Psychiatrie“ im Christophsbad.


Auch die Herausforderung für Pflegekräfte und Ärzte, sich struktureller Gewalt und eigener Gefährdungen bewusst zu sein und zu werden, war Thema. Unter der Moderation von Dr. Andrea Nägele, Neurologin und Vorsitzende des Ethik-Komitees, hielten verschiedene Praktiker und Theoretiker Vorträge: Ruth Ahrens (Pflegewissenschaftlerin, Wiesloch), die Klinikleiter Prof. Dr. Peter Nyhuis (Herne) und Prof. Dr. Tilman Steinert (Weissenau, Ravensburg), der ehemalige Unterbringungsrichter Prof. Konrad Stolz (Amtsgericht Stuttgart), Dr. Wolfgang Trägner (stellvertretender Präsident am Landgericht Ulm) und der Medizinethiker Professor Jochen Vollmann aus Bochum. In einer Abschlussdiskussion konnten die Teilnehmer aus dem ganzen Land, deren Anmeldezahlen die vorhandenen Plätze um das Doppelte überstiegen hatten, ihre Fragen und Probleme einbringen.


Am Beispiel eines Patienten, der fixiert werden muss, trat das Spannungsfeld der Problematik ebenso zutage wie bei mehreren aggressiven Patienten, die in der Nacht von Pflegekräften betreut werden müssen. Es komme auf die jeweilige Situation an und es gebe keine allgemeine Handlungsanleitung, so Steinert. Die Frage sei, was sich vor der Fixierung alles abgespielt habe, denn diese beseitige ja das Problem nicht.


Nach einem neueren Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) darf eine Klinik heute nicht mehr allein eine Fixierung durchführen. Dazu braucht es eine richterliche Genehmigung. Trägner sagte, es handle sich bei Unterbringung, Zwangsbehandlung und Fixierung um einen grundrechtsrelevanten Bereich mit einem großen Eingriff in Persönlichkeitsrechte. Dafür sei eine persönliche Anhörung des Patienten, ein Antrag der Klinik und ein ärztliches Zeugnis, dass der Ablauf vor sechs Uhr nicht anders habe bewerkstelligt werden können, nötig. Dann könne es die Klinik bis sechs Uhr durchführen. Manche Gerichte hätten auch einen Nachtdienst. Bei der Fixierung sei außerdem eine engmaschige Betreuung und Überwachung des Fixierten geboten.


Professor Dr. Nenad Vasic vom Christophsbad berichtete von etwa 500 Unterbringungsanträgen pro Jahr. Er stellte die rhetorische Frage, ob es eine medizinische Aufgabe der Psychiatrie sei, etwa gewalttätige, randalierende Betrunkene als Sicherheitsaufgabe zu übernehmen. Zuvor hatte der Medizinethiker Professor Jochen Vollmann davon gesprochen, dass Ärzte Vertrauen aufbauen sollten, um Zwangsbehandlungen zu vermeiden. Wie das jedoch unter extremen Situationen gehen solle, werde nirgendwo gesagt. Vollmann ging auf die erschwerten Bedingungen des BVG von 2011 ein wie die Definition des Patienten als „nicht einwilligungsfähig und nicht selbstbestimmungsfähig“ und forderte darüber „eine öffentliche Debatte“. Sonst gehe die Schere zwischen Norm und Praxis immer weiter auseinander.


Vollmann plädierte für einen offenen Umgang mit dieser Problematik in einer „gelebten Norm“ mit Nachbesprechungen, die man in Schulungen lernen müsse. Und er stellte die provokante Frage, was denn in Alten- und Pflegeheimen oder zuhause los sei, in der die genannten Normen „ja nicht gelten“ würden.

Seit fünf Jahren Ethikkomitee
Gremium Das Ethikkomitee gibt es seit fünf Jahren im Göppinger Christophsbad. Vorsitzende des 14 Mitglieder umfassenden, berufsübergreifenden und interdisziplinären Gremiums ist Dr. Andrea Nägele, Leitende Oberärztin in der Neurologie. Das unabhängige Gremium (Vertreter aus Pflege, Medizin, Psychologie, Seelsorge, Sozialdienst, Verwaltung) bietet Orientierungs- und Klärungshilfe bei schwierigen, konflikthaften ethischen Entscheidungen.

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